{"id":1282,"date":"2019-11-25T11:31:45","date_gmt":"2019-11-25T11:31:45","guid":{"rendered":"http:\/\/profadvanwijk.com\/?p=1282"},"modified":"2019-11-25T11:31:45","modified_gmt":"2019-11-25T11:31:45","slug":"deutschland-will-wasserstoff-aus-der-wuste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/profadvanwijk.com\/archive\/deutschland-will-wasserstoff-aus-der-wuste\/","title":{"rendered":"Deutschland will Wasserstoff aus der W\u00fcste"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/images.ctfassets.net\/jq1xw71av3v5\/4iipN4E2cQWx9jSIMCO5cc\/dec1eb83e55ff1a302492c69c9ce4255\/Christian_Schaudwet.png\" alt=\"Christian Schaudwet\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>von&nbsp;<strong>Christian Schaudwet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>ver\u00f6ffentlicht am 25.11.2019<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr CO2-neutralen Wasserstoff setzt die Bundesregierung auf Importe aus dem sonnenreichen S\u00fcden. Marokko signalisiert Interesse. Bis zur ersten Lieferung k\u00f6nnte es allerdings lange dauern. Vorrang hat f\u00fcr das K\u00f6nigreich erst einmal die Selbstversorgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die&nbsp;<strong>Bundesregierung&nbsp;<\/strong>will im Dezember ihre mit Spannung erwartete Strategie f\u00fcr eine klimafreundliche&nbsp;<strong>Wasserstoffwirtschaft<\/strong>&nbsp;vorlegen. J\u00fcngste \u00c4u\u00dferungen aus der schwarz-roten Koalition deuten darauf hin, dass es sich bei dem Papier im Wesentlichen um eine&nbsp;<strong>Importstrategie&nbsp;<\/strong>handeln wird. Gr\u00fcner Wasserstoff soll aus sonnenreichen L\u00e4ndern S\u00fcdeuropas, Nordafrikas oder aus dem Nahen Osten eingef\u00fchrt werden, blauer Wasserstoff aus Erdgas k\u00f6nnte aus Norwegen oder Russland kommen. Wasserstoff aus dem Ausland begeistert die Energieplaner, er soll Deutschland helfen, seine&nbsp;<strong>Klimaziele<\/strong>&nbsp;zu erreichen \u2013 ganz ohne Koalitionsstreit \u00fcber Mindestabst\u00e4nde und ohne besorgte B\u00fcrger wie bei der Windenergie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00fcne Variante wird per&nbsp;<strong>Elektrolyse&nbsp;<\/strong>mithilfe von Solar-und Windstrom gewonnen (Power-to-Gas\/Power-to-X). Unter den m\u00f6glichen Lieferanten profiliert sich bisher vor allem das&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.eulerhermes.com\/en_global\/economic-research\/country-reports\/Morocco.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">stabile&nbsp;Marokko<\/a>. Dort sind Ausschreibungen f\u00fcr&nbsp;<strong>Pilotanlagen&nbsp;<\/strong>mit Beteiligung ausl\u00e4ndischer Unternehmen in vollem Gange. An Bord sind bereits die&nbsp;<strong>Fraunhofer-Institute<\/strong>&nbsp;f\u00fcr Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (Halle) und f\u00fcr Grenzfl\u00e4chen und Bioverfahrenstechnik (Stuttgart). Sie und das Fraunhofer Institut f\u00fcr Innovation und Systemforschung (M\u00fcnchen) stehen seit L\u00e4ngerem in Kontakt mit dem marokkanischen&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.iresen.org\/?lang=en\">Forschungsinstitut f\u00fcr Solar- und Erneuerbare-Energien (Iresen)<\/a>. Bei Iresen in der Hauptstadt Rabat laufen die F\u00e4den f\u00fcr die Power-to-X-Forschung des Landes zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Badr Ikken<\/strong>, der Generaldirektor des Iresen, ist optimistisch, dass die deutsch-marokkanischen Gespr\u00e4che Fr\u00fcchte tragen: \u201eIch habe den Eindruck, dass in Deutschland Interesse an einer wirklich&nbsp;<strong>gemeinsamen Entwicklung<\/strong>&nbsp;besteht\u201c, sagte er im Gespr\u00e4ch mit Tagesspiegel Background. Ikken, der in Deutschland Maschinenbau studiert und danach unter anderem f\u00fcr ein Fraunhofer-Institut gearbeitet hat, nimmt am heutigen Montag neben anderen Vertretern Marokkos am \u201e<strong>Desert Energy Leadership Summit<\/strong>\u201c in Berlin teil. Veranstalter ist die Agentur&nbsp;<a href=\"https:\/\/dii-desertenergy.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dii DesertEnergy<\/a>, die aus dem einstigen&nbsp;<strong>Desertec<\/strong>-Konsortium hervorgegangen ist. Desertec hatte sich in den Nullerjahren den Import nordafrikanischen Solarstroms zum Ziel gesetzt, doch viele der anfangs beteiligten Unternehmen verloren angesichts der Komplexit\u00e4t und Langwierigkeit des Vorhabens das Interesse.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus den Fehlern von Desertec lernen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ikken blickt kritisch auf diese Zeit zur\u00fcck: \u201eDer Fehler war, dass man nur \u00fcber den Export des Stroms sprach. Dabei brauchte Marokko damals so dringend Strom, dass es ihn oft aus Europa importieren musste.\u201c Desertec habe neben seri\u00f6sen Akteuren auch viele&nbsp;<strong>Opportunisten&nbsp;<\/strong>angezogen, \u201edie nur schnell Geld verdienen wollten\u201c, sagte Ikken. Daraus m\u00fcsse man f\u00fcr die Perspektive einer Power-to-X-Kooperation lernen: \u201eWir m\u00fcssen einen gesunden, nachhaltigen Rahmen schaffen, in dem die&nbsp;<strong>wirtschaftlichen und sozialen Interessen von Marokko<\/strong>&nbsp;ebenfalls vertreten sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dem K\u00f6nigreich geht es beim ersten Power-to-X-Pilotprojekt \u201e<strong>Green H2A<\/strong>\u201c, das in einem bestehenden Industriepark angesiedelt und von Fraunhofer-Instituten begleitet werden soll, vor allem um Wasserstoff f\u00fcr die Produktion von&nbsp;<strong>Ammoniak<\/strong>. Der marokkanische&nbsp;<strong>Phosphatverarbeiter OCP<\/strong>&nbsp;ist einer der weltgr\u00f6\u00dften Hersteller von D\u00fcngemitteln und ben\u00f6tigt riesige Mengen von Ammoniak, die er bisher importieren muss. Das gasf\u00f6rmige Vorprodukt wird aus Wasserstoff und Stickstoffhergestellt. Nahziel der gerade entstehenden \u201e<strong>Power-to-X-Roadmap<\/strong>\u201c Marokkos und der daf\u00fcr zust\u00e4ndigen Kommission ist es, OCP mit Ammoniak aus heimischer Produktion zu versorgen, dessen Wasserstoffanteil per Power-to-X gewonnen wird. Auch eine&nbsp;<strong>Methanol-Produktion<\/strong>&nbsp;auf Grundlage von Power-to-X ist im Gespr\u00e4ch. An einen Export von Wasserstoff nach Europa denken die Marokkaner erst mittel-bis langfristig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die notwendigen Gr\u00fcnstromkapazit\u00e4ten baut das Land gerade auf \u2013 unter anderem mit Unterst\u00fctzung der deutschen F\u00f6rderbank&nbsp;<strong>KfW<\/strong>. Im Jahr 2016 ging das solarthermische Kraftwerk&nbsp;<strong>Noor Ouazarzate<\/strong>&nbsp;in Betrieb \u2013 mit einer Leistung von 510 Megawatt ist es eine der gr\u00f6\u00dften CSP-Anlagen der Welt (Concentrated Solar Power). \u201eDas gro\u00dfe Solarprojekt Noor Ouazarzate und einige Windprojekte \u2013 wir haben jetzt Erfahrung mit gr\u00fcner Stromerzeugung\u201c, sagte Iresen-Chef Ikken. Nun mache sich Marokko bereit f\u00fcr&nbsp;<strong>Power-to-X<\/strong>. Die Preise f\u00fcr Wind- und Solarstrom s\u00e4nken weiter \u2013 \u201eWenn sie bei zwei Cent pro Kilowattstunde sind, wird es sehr interessant f\u00fcr die Wasserstoffproduktion.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Per Pipeline durchs Mittelmeer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marokko, das seinen Strombedarf bisher zum gr\u00f6\u00dften Teil noch aus&nbsp;<strong>Kohle, Gas und importierter Elektrizit\u00e4t<\/strong>&nbsp;deckt hat, will bis zum Jahr 2030 einen Erneuerbaren-Anteil von mindestens&nbsp;<strong>52 Prozent<\/strong>&nbsp;in seinem Netz erreichen. Zugleich, sagte Ikken, biete das Land gute Bedingungen f\u00fcr den Betrieb von&nbsp;<strong>Elektrolyseuren<\/strong>. Mit vergleichsweise konstanter Stromerzeugung aus Erneuerbaren dank starker Sonneneinstrahlung und stetiger, kr\u00e4ftiger Winde lie\u00dfen sich solche Anlagen mit einem&nbsp;<strong>hohen Auslastungsgrad<\/strong>&nbsp;betreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als m\u00f6gliche Wasserstoff-Lieferl\u00e4nder in der sogenannten Mena-Region (Middle East North Africa) gelten unter Experten auch&nbsp;<strong>Oman&nbsp;<\/strong>und die&nbsp;<strong>Vereinigten Arabischen Emirate<\/strong>, wo Siemens zur Weltausstellung Expo 2020 in Dubai einen Elektrolyseur aufstellen soll. Sogar&nbsp;<strong>Saudi-Arabien<\/strong>&nbsp;zeige Interesse, hei\u00dft es. Der \u00d6lstaat will mit dem B\u00f6rsengang seines \u00d6lkonzerns Saudi Aramco unter anderem die Technologiestadt&nbsp;<strong>Neom&nbsp;<\/strong>finanzieren, in der auch eine Wasserstoff-Infrastruktur Platz haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch zum Transport der begehrten gr\u00fcnen Molek\u00fcle von Nordafrika nach Europa gibt es bereits \u00dcberlegungen: Die niederl\u00e4ndischen Energiexperten&nbsp;<strong>Ad van Wijk<\/strong>&nbsp;(TU Delft) und&nbsp;<strong>Frank Wouters<\/strong>&nbsp;(Dii Desert Energy), die an der heutigen Dii-Konferenz in Berlin teilnehmen, schlagen in ihrer Studie \u201e<a href=\"http:\/\/profadvanwijk.com\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Hydrogen-the-bridge-between-Africa-and-Europe-5-9-2019.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hydrogen \u2013 the Bridge between Africa and Europe<\/a>\u201c vor, bestehende&nbsp;<strong>Erdgaspipelines&nbsp;<\/strong>durchs Mittelmeer f\u00fcr den Transport von Wasserstoff umzur\u00fcsten und gegebenenfalls zus\u00e4tzliche Leitungen zu legen. Das sei kosteng\u00fcnstiger als ein Transport per&nbsp;<strong>Tankschiff<\/strong>. In diesem Szenario f\u00fchren die Unterseeleitungen den Wasserstoff zun\u00e4chst nach S\u00fcdeuropa \u2013 Deutschland l\u00e4ge aus nordafrikanischer Sicht demnach eher an der Peripherie eines solchen Wasserstoffnetzes.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ammoniak-Produktion hat Priorit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch ist das Interesse hierzulande gro\u00df: \u201eDie Bundesregierung hat das Potenzial relativ fr\u00fch erkannt \u2013 nicht nur aus Gr\u00fcnden der Energieversorgung, sondern auch, weil es&nbsp;<strong>Perspektiven f\u00fcr deutsche Unternehmen<\/strong>&nbsp;bietet\u201c, sagte Iresen-Chef Ikken. Schon vor Jahren hat Deutschland Energiebande mit Marokko gekn\u00fcpft. Seit 2012 besteht die bilaterale Energiepartnerschaft \u201e<a href=\"https:\/\/www.energypartnership.ma\/german-moroccan-energy-partnership-parema\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Parema<\/a>\u201c, die von der&nbsp;<strong>Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Internationale Zusammenarbeit<\/strong>&nbsp;(GIZ) koordiniert wird. Eines der Themen von Parema ist Power-to-X. Dies sei \u201einsbesondere bei der deutschen Energieindustrie hinsichtlich m\u00f6glicher Importchancen auf gro\u00dfes Interesse\u201c gesto\u00dfen, hei\u00dft es dazu bei der GIZ.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das&nbsp;<strong>Fraunhofer Institut f\u00fcr Innovation und Systemforschung<\/strong>&nbsp;(ISI) setzt gro\u00dfe Hoffnungen in Marokko. Es hat das Power-to-X-Potenzial des Landes analysiert: \u201eZwei bis vier Prozent der weltweiten Nachfrage nach PtX \u2013 ein Markt von 100 bis 680 Milliarden Euro im Jahr 2050&nbsp;\u2013 k\u00f6nnten von Marokko gedeckt werden\u201c, sagte der zust\u00e4ndige Fraunhofer-ISI-Projektleiter&nbsp;<strong>Wolfgang Eichhammer<\/strong>&nbsp;bei der Vorstellung einer entsprechenden&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.isi.fraunhofer.de\/content\/dam\/isi\/dokumente\/ccx\/GIZ_PtX-Morocco\/GIZ_PtX_Marokko_Report_PtX_Morocco_final.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Studie<\/a>&nbsp;im September. Besonders gro\u00dfes Potenzial habe Marokko f\u00fcr Power-to-X zur&nbsp;<strong>Ammoniak-Produktion<\/strong>&nbsp;f\u00fcr Eigenbedarf und Export.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzteres allerdings d\u00fcrfte von der&nbsp;<strong>Bundesregierung<\/strong>&nbsp;kritisch gesehen werden. Denn falls Marokko sich beim Aufbau einer Power-to-X-Industrie tats\u00e4chlich auf die Produktion und den Export des margentr\u00e4chtigeren Ammoniaks konzentriert, bliebe&nbsp;<strong>weniger&nbsp;Wasserstoff<\/strong>&nbsp;\u00fcbrig, den das Land nach Deutschland exportieren k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohnehin: Gemessen an der H\u00e4ufigkeit, Dringlichkeit und Selbstgewissheit, mit der deutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter derzeit f\u00fcr einen\u00a0<strong>strategischen Wasserstoffimport<\/strong>\u00a0aus dem sonnenreichen S\u00fcden argumentieren, mutet der Entwicklungsstand einer m\u00f6glichen Exportstruktur in Marokko und anderswo in der Mena-Region noch\u00a0<strong>embryonal<\/strong>\u00a0an. Ein Erneuerbaren-Experte in Abu Dhabi dr\u00fcckt es so aus: \u201eBisher sind alle nur am studieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Origineel verscheen eerder op:  <a href=\"http:\/\/background.tagesspiegel.de\/energie-klima\/deutschland-will-wasserstoff-aus-der-wueste\">http:\/\/background.tagesspiegel.de\/energie-klima\/deutschland-will-wasserstoff-aus-der-wueste<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von&nbsp;Christian Schaudwet ver\u00f6ffentlicht am 25.11.2019 Bei ihren Pl\u00e4nen f\u00fcr CO2-neutralen Wasserstoff setzt die Bundesregierung auf Importe aus dem sonnenreichen S\u00fcden. Marokko signalisiert Interesse. Bis zur ersten Lieferung k\u00f6nnte es allerdings lange dauern. Vorrang hat f\u00fcr das K\u00f6nigreich erst einmal die Selbstversorgung. Die&nbsp;Bundesregierung&nbsp;will im Dezember ihre mit Spannung erwartete Strategie f\u00fcr eine klimafreundliche&nbsp;Wasserstoffwirtschaft&nbsp;vorlegen. 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